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Ohne Sorge...

...oder das Gleichgewicht der Welt

· THOUGHTS OF THE DAY

Vor ein paar Tagen war ich in Sanssouci. Es war ein wunderschöner Sonntag voll Sonnenschein und buntem Herbstlaub. Potsdam eine wahre Plaisier, das Schloss und seine Gärten eine Einladung an die Phantasie. Vollkommene Harmonie von Natur und Kultur.

Hier ließ sich der Lebemann Friedrich der Große ein Lustschloss erbauen. Man könnte auch sagen ein Luftschloß, denn er wollte einen Ort erschaffen, an dem es sich ungestört von der harten Realität leben ließe, kummerfrei, unbeschwert und sorglos. Und so steht es dann auch geschrieben, wenn man über die mit Wein und Feigen bewachsenen Terrassen hinauf steigt, prangt dort auf der gelbgold glänzenden Kuppel vor dem sattem, klaren Blau des Herbsthimmels in großen Lettern die Aufschrift Sans, Souci. Was übersetzt soviel heisst wie "Ohne Sorge". Wofür das Komma steht und am Ende der Punkt, darüber lässt sich spekulieren aber letztlich bleibt es ein haltloses Versprechen an das Leben. Das erkannte auch schon Friedrich und verwies auf sein Grab, wenn er gefragt wurde auf welche Weise das sorglose Dasein denn gelänge.

Und auch an diesem Tag liegt etwas Schweres in der Luft. Ich treffe mich mit einer Freundin zum Spazierengehen, doch statt zu Lustwandeln, berichtet sie mir von ihrem Kummer und den schweren Sorgen, die sie umtreiben. Und während wir so laufen und der Park sich immer weiter erschließt, erschließt sich mir die Erkenntnis, dass wir zwar alle permanent auf der Suche nach der Leichtigkeit des Seins sind und hoffen, dass uns wenigstens ab und an ein wenig die Schwere des Alltags von unseren Schultern genommen wird. Aber die Atlanten demonstrieren es, zu schwer wiegt die Last der Welt, so dass es letztlich ein Wunschtraum ist und eine unerfüllte Hoffnung bleibt, dauerhaft glücklich und gut drauf zu sein und unbeschwert durchs Leben zu gehen. Scheinbar geben zu viele Umstände von außen Grund zur Klage. Irgendwas ist immer und wenn nicht, durch unser ständiges (ver-)urteilen lässt sich immer etwas finden. Doch liegt es nicht letztlich in uns selbst, ist nicht alles eine Frage der eigenen Sicht und Herangehensweise, schaffen wir uns nicht selber immer wieder unseren eigenen Kosmos?! Je öfter ich mir diese Fragen stelle, desto klarer wird mir, was mein eigener Anteil an den Dingen ist und wie wir alle unsere Umstände bewusst oder unbewusst selbst erschaffen.

Und ist es zudem nicht auch nur durch die Dualität unseres Daseins überhaupt möglich, die ganze Bandbreite des Lebens zu erfahren, daran zu wachsen und zu empfinden was es wirklich heisst ein Mensch zu sein?... Denn es ist zwar erstrebenswert mit Körper, Geist und Seele im Einklang zu stehen. Aber letzlich gelingt das doch nur, wenn man auch hier das Gleichgewicht in der Akzeptanz des Unperfekten findet. Läuft der, bei dem immer alles läuft, doch sonst dauerhaft Gefahr, zum geistigen Leichtgewicht erklärt zu werden, was langfristig ja auch wiederum schwer wiegt.

Es geht also darum die feine Balance zu finden. Das Gleichgewicht des Lebens, so wie es auch Rohinton Mistry in seinem gleichnamigen epischen Werk beschreibt, was ich sicherlichlich nicht durch Zufall an diesem Wochenende zu Ende gelesen habe. Die Schicksale in dieser Erzählung wiegen so schwer, dass man teilweise denkt von ihnen erdrückt zu werden, nur um sich im nächsten Moment wieder aufzulösen in einer fast beiläufigen Beschreibung, die von so viel Zartheit und luzider Freude geprägt ist, dass einem fast das Herz zerspringt vor Mitgefühl in diesem flüchtigen Glücksmoment. Nicht nur im Vergleich mit diesem Roman scheinen doch die meisten unserer Probleme eher nichtig zu sein. Denn ständiges Beschweren muss nicht immer notwendiger Weise gewichtige Gründe haben. Es kann den Geist eines Menschen zwar kurzfristig erleichtern aber letztlich findet sich hier nicht die Lösung. Natürlich gibt es auch wirklich ernsthafte Probleme, wie bei meiner Freundin, doch je ernster die Lage, desto mehr müssen wir auch aufpassen, dass das Negative in uns nicht übernimmt. Wir dürfen nicht aufhören nach Lösungen zu suchen und manchmal vielleicht auch einfach etwas akzeptieren, wie es gerade ist und dabei immer auch all die Dinge im Hinterkopf behalten, für die es jeden Tag dankbar zu sein gilt. Und vielleicht bedarf es vielmehr einfach der Entscheidung, die Herausforderungen des Lebens immer wieder voller Freude anzunehmen und dabei die Hürden als Entwicklungsstufen zu betrachten und deshalb nicht nur die ups sondern auch die downs mit gleicher Hingabe zu durchlaufen, auch weil sie die schönen Momente so erst kostbar werden lassen.

Sei die Veränderung die Du Dir wünscht

Was kann man also tun? Zum Glück kann jeder Einzelne etwas beitragen. Wenn wir uns unserer eigenen Schöpferkraft bewusst werden, hat das natürlich den Nachteil, das wir von nun an selbst verantwortlich sind aber das Schöne daran ist, wenn wir es selbst erschaffen haben, können auch wir es wieder ändern. Wir können uns immer wieder neu ausrichten und uns zunächst für Liebe Klarheit, Ordnung und Frieden in unserem Innern entscheiden und damit unser Leben neu gestalten. Statt Hass und Missgunst zu projezieren, können wir öfter mal nachfragen, wie es denn unserem Gegenüber geht, liebevoll und achtsam miteinander umgehen, gegenseitig Rücksicht nehmen und Verständnis zeigen, ab und zu mal etwas Gutes tun und vor allem gut zu uns selber sein. In die Natur gehen, in die Sonne blinzeln, und uns daran erfreuen das wir lebendige, fühlende Wesen sind. Mit Stärken und Schwächen und mindestens einer liebenswerten Seite. Und wenn wir uns wirklich aufeinander einlassen, dann gelingt es vielleicht auch, die Menschen an unserer Seite anzuerkennen in Ihrem Streben und Bemühen und sie auch mit ihren Schattenseiten zu lieben. Denn nichts und niemand ist perfekt...

Und so bleibt Sans Souci ein Sehnsuchtsort. Denn wir wissen ja, von zu viel Wein bekommt man Kopfschmerzen und von zuviel Feigen, naja lassen wir das...

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